Eine Ode an das Gänseblümchen

Wer kennt sie nicht, die kleinen zarten, weiß – gelben Blümchen, die von März bis November überall erblühen. Auf Wiesen, Feldern und jeglicher Art von Grünflächen strahlen sie auf, wie weiße Mini-Sonnen mit gelbem Herz. Sie sind Botschafter des Frühlings und wirken immer irgendwie rein und bescheiden, fast unschuldig, wenn neben ihnen größere Pflanzen die Natur mit ihrer Blütenpracht erobern.
Ja , das Gänseblümchen, ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammend, bei ihrem Namen formt sich der Mund zu einem leichten Lächeln…wahrscheinlich wegen dem „chen“, der Verkleinerungsform, was es so niedlich macht
Bellis perennis- die ausdauernd Schöne- lateinisch abgeleitet von bellus“ = „schön, hübsch, niedlich“ und „perennis“ = „ausdauernd“. Auch Tausendschön, Marienblümchen Sonnenauge oder kleines Wundkraut genannt. Im Englischen heisst sie Daisy- kommt von Day’s Eye, weil sie ihre Blüten immer nach Lauf der Sonne richtet. Heliotropismus, nennt man das- im Lauf des Tages folgt die Pflanze mit ihrer Blüte dem Sonnenverlauf, von Osten nach Westen.
Das Gänseblümchen ist klein, hat allerhand in sich:
Es ist zierlich und hat zarte Wurzeln, dem Feldsalat ähnlich, und richtet sich, bei mechanischer Berührung, immer wieder auf. Wird es einmal umgebogen oder leicht getreten, wendet es Kraft auf und steht wieder auf.

Der englische Ausdruck “ups-a-daisy”— den man Kindern mutmachend sagte, wenn sie hinfielen oder etwas nicht gelang, um wieder aufzustehen oder noch mal auszuprobieren, entwickelte sich ins “whoops-a-daisy” – dem deutschen „Hoppla“ ähnlich, der einem beim Stolpern und kleinen unbeabsichtigten Fehlern rausrutscht.
Das Gänseblümchen besitzt Gerbstoffe, Saponine, Flavonoide und ätherische Ole, und bringt als Heilpflanze viel mit. So kann ein Gänseblümchen-Tee, als Frühjahrskur eingesetzt, das Blut reinigen. Die Blüten, als Auszug und als Kompresse benutzt , helfe bei nässenden Wunden, Quetschungen, unreiner Haut oder Ausschlägen.
Ganz besonders hilfreich ist das Blümchen auch als schnelles „Wiesenpflaster“ – bei kleinen Insektenstichen, Kratzern oder wenn man Hautkontakt mit Brennnesseln hat. Besonders für Kinder ein trostspendender Segen.
Daß dieses Pflänzchen Heilkraft besitzt sagt schon der Name „ kleines Wundkraut“, und wenn man tiefer forscht lassen sich auch Verwendungshinweise in der Antike und im frühen Mittelalter finden:
„Für gesunde Menschen ist das Gänseblümchen gut zu essen, weil es das gute Blut vermehrt und einen klaren Verstand bereitet. Aber auch den Kranken bringt es wieder zu Kräften. Es macht die Augen klar.“- Hildegard von Bingen
Auch die Mythologie und die Blumensprache lassen das Gänseblümchen nicht unerwähnt. So war das Gänseblümchen in der nordischen Mythologie der Göttin Freya gewidmet, Göttin der Fruchtbarkeit, des Neubeginns und des Glücks. Das Wort „Gans“ im Namen, das Tier mit dem weissen Gefieder , steht auch für Unschuld und Reinheit .
Das frühe Christentum widmete dem Gänseblümchen die Geschichte: Als Maria, auf ihrer Flucht nach Ägypten , Tränen geweint hat, wuchsen genau an diesem Ort die Gänseblümchen. Legenden oder der Volksglaube sagten auch, daß,
wann immer eine kleines Kind verstarb, der liebe Gott Gänseblümchen wachsen lies , um die trauernden Eltern etwas aufzumuntern.
wer getrocknete Gänseblümchen bei sich trage, die am Johannistag (24. Juni) mittags zwischen 12 und 13 Uhr gepflückt wurden, der habe großes Glück mit allen Angelegenheiten die er anstrebt.

Von seiner Bescheidenheit und Widerstandskraft angetan, nahm der französische König Louis IX. (1214–1270) das Gänseblümchen sogar in sein Wappen auf, wo es neben der stolzen, strahlenden Lilie Platz fand.
Das Gänseblümchen besitzt unbändige Kraft , trotz der geringen Große. Beständigkeit, kindliche Unschuld, Reinheit, Bescheidenheit, mütterliche, ritterliche und beständige Liebe lassen sich mit der Pflanze verbinden.
„Meine Gefühle sind nicht zu erschüttern.“ – „Ich setze auf Zeit.“- sind die Botschaften auf „Blumisch“, wenn man Gänseblümchen verwendet.
Als Heilkraut ist die Pflanze nicht nur wohltuend , entzündungshemmend und wundheilend, sondern ist , leicht nußig schmeckend, auch lecker als Küchenkraut. Rezepte von Gänseblümchen Blüten
– sauer eingelegt, als Kapern Ersatz,
– als Pesto
– als Suppe
oder
– als schmackhafte Dekoration auf Salaten
findet man in diversen Kochbüchern und im Internet.

Eine persönliche Geschichte zum Gänseblümchen sei auch meinem Vater gewidmet- er liebte die Gänseblümchen. Als wir unseren Garten mit einer Rasenfläche neu anlegten, mähte er immer um die Gänseblümchen herum, weil sie zu hübsch waren um ‚abrasiert zu werden…“. Somit hatten wir keine, damals in Nachbarschaftskreisen zeitgemäß modern, angelegte Mono- Grünflache, sondern eine Gänseblümchenwiese in unserem Garten. Als mein Vater verstarb und wir uns um eine Grabbepflanzung Gedanken machen mussten, war uns klar, daß Bellis perennis – meines Vaters Lieblingsblumen, auf dem Grab sein sollten….


Warum lieben die Menschen das Gänseblümchen so und warum hat es seit jeher eine kulturelle und mythologische Bedeutung?
Es mag viele Erklärungen dafür geben. Sicher ist, es lässt jedes Kinderherz erstrahlen. Die Farben der Pflanze sind leuchtend , freundlich, rein und optimistisch. Es macht Mut, gibt Hoffnung und bringt Freude, obwohl es eine kleines Pflänzchen ist. Es erinnert an eine Sonne mit einem goldenen Kern. Ist weich, nicht giftig und leicht zu finden, da es überall wachsen kann. Man kann einen hübschen Haarschmuckkranz aus ihnen basteln, herzig, winzige Blumensträuße und Liebes- Abzählreime mit ihm machen ( wie mit der großen Schwester , der Margerite). Es ist eine Blume, die das Herz berührt, und im Allgemeinen positiv besetzt ist.

Gänseblümchen fallen uns meist auf, wenn sie nach langer Winterzeit die Grünflachen als erste Frühjahrsboten bevölkern. Kommt der Frühling so richtig in Fahrt, werden sie dann schnell von anderen Blumen auf den Wiesen verdrängt , und meist überwuchert. Doch sie sind demütig und treu, und weil sie sich immer nach der Sonne ausrichten, unermüdlich positiv. Gänseblümchen sind bescheiden. Sie hätten sich ja zu etwas anders entwickeln können , hätten hoch hinaus streben können, oder aus Neid und Verbitterung giftig werden. Das taten sie nicht- sie sind beständig, ihrer Rolle im Jahreskreislauf bewusst, und insgeheim wissen sie- wenn der Frühling kommt, dann sie sind eine der Ersten, die die Herzen der Menschen mit Freude erfüllt. Genügsam, sie wissen wer sie sind, klein , aber oho!


Vom Charakter ähneln sie manchen Menschen, freundliche Wesen, die immer da zu sein scheinen, manchmal fast unscheinbar. Man beachtet sie kaum, zarte Gemüter vielleicht, jedoch nehmen sie keine enorm hoch Stellung ein, spielen sich nicht laut in den Vordergrund, nehmen sich nicht allzu wichtig, sind nicht verblendet mit hohen Ansprüchen oder Erwartungen. Wenn man sich etwas näher mit ihnen befasst, erkennt man die Kraft in ihnen, eine Weisheit und Zufriedenheit mit dem was sie haben und sind… und dann und wann haben sie einen sanften Aufmerksamkeits- Höhepunkt, wenn sie andere erfreuen. Sie begnügen sich mit dem was sie haben, streben nicht nach Höherem, sind einfach da, klein und fein…

Gänseblümchen –
von Heinz Erhardt
 
Ein Gänseblümchen liebte sehr
ein zweites gegenüber,
drum rief ’s: »Ich schicke mit ’nem Gruß
dir eine Biene rüber!«
 
Da rief das andere: »Du weißt,
ich liebe dich nicht minder,
doch mit der Biene, das laß sein,
sonst kriegen wir noch Kinder!«

….schaut euch doch mal wieder ein Gänseblümchen an…

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